Bergbauer in Oberammergau – Zeigen, dass es anders geht
„Die haben ihren eigenen Kopf“, sagt Klement Fend, „Tiere sind wie Menschen.“ Foto: Conie Morarescu
„Die haben ihren eigenen Kopf“, sagt Klement Fend, „Tiere sind wie Menschen.“ Foto: Conie Morarescu

Bergbauer in Oberammergau – Zeigen, dass es anders geht

Hupen und Trillerpfeifen. Kilometerlange Traktorkonvois. Unsere Landwirte demonstrieren bundesweit gegen Niedrigpreise und Umweltauflagen. Der Oberammergauer Landwirt Klement Fend hat vor 18 Jahren eine riskante Entscheidung getroffen. Er war es leid, für seine Arbeit nicht geschätzt zu werden.

Oberammergau —Als in Berlin die letzten Hupen verstummen, betritt Klement Fend in Oberammergau den Stall. Fütterungszeit. Aus dem tragbaren Radio hallt die Stimme des Nachrichtensprechers. „Traktor Demonstration…Brandenburger Tor…Grüne Woche…“

Die Tiere brauchen Routine, deswegen das Radio. Sohn Leonhard betritt den Mittelgang, der durch schulterhohe Eisenstangengitter begrenzt ist. Er geht an den Kälbern vorbei und bleibt stehen. Die eine Hand hält einen orangen Plastikeimer, die andere lockt mit schmackhaftem Heu. Vaja setzt sich in Bewegung, manövriert ihren behornten Schädel durch die Gitteraussparung. Klack. Verriegelung eingerastet. Ein muskulöses Tier, mittelbraunes Fell, schwarze Hornspitzen, die Augen wach. Bauer und Kuh schauen sich einen Moment lang an. Weiter geht’s. Klack-Geräusche, es beginnt zu Rascheln. Wühlende Kuhschädel, das Heu bewegt sich und duftet.

Skeptisch lugt ein junger Ochse über die hölzerne Absperrung Richtung Stalltür. Irgendetwas ist heute anders. Leonhard ruft und lockt. Der Ochse fokussiert. Da ist doch jemand. Es dauert einige Minuten, bis er sich zu seinen Geschwistern ans Fanggitter traut. Die Skepsis bleibt, der Appetit hält sich in Grenzen. Das Murnau Werdenfelser Rind ist nun einmal speziell. Lebhaft und intelligent, hochsensibel und scheu. Eben wild. „Die haben ihren eigenen Kopf“, sagt Klement Fend, „Tiere sind wie Menschen.“ Ein Satz, der heute Abend häufig fällt.

Seit 2002 hält die Familie Fend auf dem Warbichlhof die vom Aussterben bedrohte Landrasse und ist biozertifiziert. Wenn Klement Fend davon erzählt, warum sie sich dazu entschieden haben, auf die temperamentvolle Rasse umzustellen, klingt er nicht wie ein idealistischer Rebell. Eher pragmatisch. Er nennt vor allem betriebswirtschaftliche Argumente. Sein weiß-rot kariertes Hemd ist gebügelt, die langen Ärmel zugeknöpft, der Vollbart säuberlich gestutzt. Den müsse er stehen lassen als Darsteller bei den Passionsspielen, erklärt er. Vor 2002 hatten sie einen Mastbetrieb mit Fleckvieh, eine klassische Zuchtrasse in der Region. Sie haben Kälber gekauft und großgezogen, sie dann wieder für die Fleischvermarktung verkauft. Klement Fend war es leid gewesen, zu schwankenden Preisen zu produzieren. Ihm fehlte die Wertschätzung für seine mühevolle Arbeit. Er wollte nicht mehr abhängig sein. Mit seiner Frau, den beiden Söhnen, damals 20 und 18 Jahre alt, und seiner 16-jährigen Tochter setzte er sich an einen Tisch. Gemeinsam trafen sie die Entscheidung, es anders zu machen: biologische Landwirtschaft, alte Tierrassen und Tourismus.
Das schien ihnen ein zukunftsfähiges Konzept. Dieser Schritt sei nur gemeinsam als Familie möglich gewesen, sagt Fend.

Rundgang Nummer zwei. Diesmal ist der Vater mit dem Leckerli-Eimer unterwegs. Er trägt Arbeitshandschuhe. Jedes Tier füttert er einzeln aus der Hand. „Das ist wie bei Kindern, die lieben ihre Gummibärln“, schmunzelt der Landwirt. Bald möchte er das Fleisch direkt an seine Gäste verkaufen, sie fragen schon immer danach. „Sie wären auch bereit, mehr zu zahlen. Weil sie sehen, dass es den Tieren gut geht“, sagt Fend. Hohe Fensterreihen und die Dachkonstruktion ermöglichen, dass die Luft im Stall zirkuliert. Weiße Wände und Holzgiebeldach. Die Tiere sind sauber. Die Liegeflächen werden zweimal täglich gestreut, dadurch baut sich eine trockene Matte auf, ein gemütlicher Ruheplatz. Das funktioniere nur bei richtiger Fütterung, wenn der Kot nicht zu feucht ist. Klement Fend zieht einen Büschel Heu aus dem Haufen, reibt ihn zwischen den Fingern, riecht daran. Seine Rinder werden ausschließlich mit dem eigenen Heu gefüttert. Die Wiesen werden nur mit Stallmist und Gülle gedüngt. Ein geschlossener Kreislauf. „Ich brauch nicht mit dem Traktor nach Berlin fahren“, betont Klement Fend, „Landwirtschaft und Umweltschutz gehören zusammen.“ Wenn man das laut sage, werde man gleich in eine Schublade gesteckt, dann sei man ein Grüner. „Das Problem ist: Es gibt viele Landwirte, die wollen unbedingt wachsen. Einen größeren Stall bauen für mehr Tiere. Aber das rechnet sich heute nicht mehr. Die Investition ist hoch, die Preise aber schwanken. Wie kann man da noch kalkulieren?“

Die Familie lebt zur Hälfte aus der Landwirtschaft, das restliche Einkommen kommt von den Gästen. Die freuen sich über die Tiere. Braune Bergschafe und Murnau Werdenfelser Rinder sieht man selten. Die gefährdete Rinderrasse wird auf dem Warbichlhof in Form von Mutterkuhhaltung gezüchtet. Das bedeutet, dass Kühe und Kälber zusammen bleiben. Wenn die Tiere groß genug sind, werden die weiblichen zur Weiterzucht, die männlichen für die Fleischverarbeitung verkauft. Hochwertiges Murnau Werdenfelser Bio-Fleisch, das in München vermarktet wird. Vier bis fünf Ochsen im Jahr, mehr nicht. Im Sommer sind die Kühe mit den Kälbern auf der Weide, die Jungtiere in den Bergen auf der Alm. Etwa das halbe Jahr über.

Als Klement Fend auf die alte Rinderrasse umstellte, wollten die anderen Landwirte nicht glauben, dass das funktioniert. Das Murnau Werdenfelser im Laufstall halten? Mit Hörnern? Viel zu gefährlich! Früher waren die Tiere den Winter über im Stall angebunden. Rangordnungskämpfe waren ausgeschlossen. Mit der modernen Laufstallhaltung hat sich das hornlose Vieh durchgesetzt. Klement Fend bewies, dass es anders geht. Für die Biozertifizierung baute er seinen Stall um. Er hält nur so viele Tiere, dass sie genügend Platz haben. Und er widmet ihnen viel Aufmerksamkeit. „Man muss sich halt kümmern“, sagt er. Dann funktioniere das auch.

Der Landwirt sieht sich selbst in der Verantwortung: „Ich will mich nicht beschweren, ich will was tun.“ Das Murnau Werdenfelser Rind ist nur deswegen nicht ausgestorben, weil es einige wenige Landwirte gibt, die es züchten. Fleckvieh und Braunvieh haben sich in der Region durchgesetzt, sie geben mehr Milch oder Fleisch. Klement Fend ist Vorstand des Fördervereins zum Erhalt der Murnau Werdenfelser Rasse. Auch mit seiner Herde leistet er einen Beitrag. Eines der Jungtiere lebt heute mitten in München, im Tierpark Hellabrunn, und hat vor kurzem gekalbt.

Betrachtet man den Oberammergauer Landwirt, wie er seine Kälber liebkost und hört ihm zu, mit welcher Hingabe er über die ideale Fütterung spricht, dann spürt man, dass da viel Idealismus dahinter steckt. Dass es das Murnau Werdenfelser Rind noch gibt, ist nicht selbstverständlich. Noch weniger, dass Betriebe wie der Warbichlhof existieren. Genau wie die alte Rasse, sind die kleinen Landwirte heute vom Aussterben bedroht. Doch manche von ihnen haben ihren eigenen Kopf.

Fotos: Conie Morarescu

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Von
Conie Morarescu
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